Vier Mal queer

Es mangelt mir einfach an Disziplin, deshalb ist schon wieder so mega viel Zeit seit dem letzten Beitrag vergangen. Aber das hier ist eben nur eines meiner Hobbys, deshalb stresse ich mich einfach nicht. 🙂
In letzter Zeit habe ich gleich vier Bücher gelesen, in denen queere Liebesgeschichten erzählt werden und die möchte ich euch nun vorstellen. Dabei handelt es sich um zwei Jugendbücher und zwei Romane.

Das erste ist „Unser Platz in dieser Welt“ von Luisa Strunk, erschienen im Selfpublishing. Bei solchen Titeln bin ich immer sehr misstrauisch, sage ich ganz ehrlich, weil ich da schon richtig Schlimmes gesehen habe (insbesondere was Rechtschreibung angeht!). Doch hier wurde ich sehr positiv überrascht.
Es geht um Marie, die in ihre Bücher vor einer Realität flieht, in der sie die absolute Außenseiterin ist. Eines Abends trifft sie Gwen, die zu der coolen Clique gehört und sie immer mit fertig gemacht hat, weinend auf einem Spielplatz und lernt eine andere Seite von ihr kennen. Langsam aber sicher werden sie Freundinnen und Marie merkt schließlich, dass sie sich in Gwen verliebt hat. Es folgt eine Gefühlsachterbahn von ganz oben bis ganz unten.
Zu Beginn hatte ich etwas Probleme, weil mir Marie oft übertrieben schüchtern und gequält dargestellt erschien, doch braucht das Ganze ja eine gewisse Dramatik. Sehr schön ist, dass in Ruhe erzählt wird wie die beiden sich besser kennen lernen. Gwen wandelt sich von dem platten Bild der Tussi zu einer tiefen Figur und steht in Konflikt zwischen diesen beiden Rollen, die sie glaubt spielen zu müssen. Marie hingegen hadert lange mit dem Lesbischsein, was zeigt, wie sehr es heute immer noch als falsch in den Köpfen der Jugendlichen ankommt. Dass ihr Vater dann aber ganz lässig reagiert, ist umso besser. Eine wirklich schöne Geschichte darüber, seinen Platz in der Welt zu finden und auch zu akzeptieren.

Das andere Jugendbuch ist ebenfalls im Selfpublishing erschienen und mit Spannung erwartet worden: „Traumtänzerin“ von Alicia Zett. Sie hat sich damit einen Traum erfüllt und uns Leser*innen ein tolles Buch geschenkt!
Charlie sollte sich eigentlich um die anstehenden Abiturprüfungen kümmern, hat aber nur Gedanken für eine: Ihre beste Freundin Mia. Doch diese und der gemeinsame Freund Luke wissen noch nicht einmal, dass Charlie lesbisch ist, weil sie es ihnen irgendwie nicht sagen kann. Als Mia mit ihrem Schwarm Milan zusammenkommt, kann sie es vor Luke schließlich nicht mehr verbergen. Er selbst ist schwul, was alle wissen und kann gut verstehen, was sie durchmacht. Zu allem Gefühlschaos kommt noch ihr Vater, der unberechenbar wird, wenn er trinkt. Als sich dann noch Viky, eine der Cliquenzicken, als sehr nett und hilfsbereit in Bezug auf Mathe herausstellt, wird Charlies Welt auf den Kopf gestellt.
Es war sehr angenehm endlich eine Geschichte von einem Mädchen zu lesen, welches das innere Coming-Out bereits hinter sich hat. Natürlich braucht es auch die anderen Geschichten, aber das ist einfach (noch) recht selten im Jugendbuch, deswegen hat es mich umso mehr gefreut. Auch hier lernen wir eine Tussi von ihrer anderen, liebenswerten Seite kennen und es wird durch den Konflikt mit dem Vater noch dramatischer. Dennoch erscheint dieser nicht übertrieben, denn so etwas gibt es mit Sicherheit häufiger als man wahrhaben möchte. Allgemein besticht die Geschichte durch ihre Bodenständigkeit. Ich lese selten reine Liebesgeschichten, weil sie mir häufig, gerade im Jugendbuch, unrealistisch, übertrieben und unglaublich konstruiert anmuten, doch nichts davon ist hier der Fall. Definitiv eine Empfehlung für dieses, auch liebevoll illustrierte, Buch!

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Unser Platz in dieser Welt | Luisa Strunk | Books on Demand | 14,99€ | ISBN: 978-3-752-83607-3
Traumtänzerin | Alicia Zett | Books on Demand | 12,99€ (Paperback) | ISBN: 978-3-752-82468-1
Ungehorsam | Naomi Alderman | Berlin Verlag | antiquarisch erhältlich | ISBN: 978-3-8270-0676-9

Die beiden Romane sind hingegen ganz anders, nicht nur durch die Genrezugehörigkeit. In „Ungehorsam“ von Naomi Alderman lernen wir Ronit und Esti kennen. Ronit ist Tochter des Rav, des obersten Rabbiner der Gemeinde und schon vor einigen Jahren geflohen. Sie lebt in New York und führt ein Leben ohne Religion, aber auch ein einsames. Esti lebt noch immer in Hendon, der jüdischen Gemeinde in London, wo sie mit Ronit aufgewachsen ist. Sie hat Dovid geheiratet, den Neffen des Rav. Als der Rav stirbt, kommt Ronit zurück und wirft alles gewaltig durcheinander. Nicht nur in der Gemeinde, die sie als Störenfriedin betrachtet, sondern auch in Estis Herz, denn in ihrer Jugend waren sie ein heimliches Paar. Man redet über vieles nicht, geht sich aus dem Weg bis die Dinge doch hochkochen. Dann stellt sich jedoch heraus, dass die drei mehr auf einer Wellenlänge liegen als gedacht.
Die Autorin zeigt uns die Welt und das Leben orthodoxer Juden und insbesondere Jüdinnen, was mir oft völlig altmodisch und unfassbar erscheint. Ich bin nicht gläubig und kann es daher einfach nicht nachvollziehen wie man sich solchen, insbesondere orthodoxen, Regeln unterwerfen kann. Solange dies freiwillig geschieht, ist es nochmal was anderes, denn ich kann anerkennen, dass es für manche eine gewisse Ordnung und Halt mit sich bringt. Diesen Gegensatz bilden auch Ronit und Esti, ohne dass es konstruiert wirkt. Es passiert ehrlich gesagt nicht viel auf der Handlungsebene und stellenweise hat sich die Lektüre etwas gezogen, aber insgesamt war es ein gutes Buch, das uns die Charaktere durch wechselnde Innensichten sehr nahe bringt.

C27AC941-CD3D-49D5-81BC-92150BB08F03.pngGestohlene Tage | Heny Ruttkay | Querverlag | 14,90€ | ISBN: 978-3-89656-209-8

Schließlich der Roman, den ich erst vor Kurzem beendet habe: „Gestohlene Tage“ von Heny Ruttkay. Als historischer Roman einem weiteren Genre zugehörig, das ich nicht regelmäßig lese, doch begeistert mich momentan die Zeit der Weimarer Republik (ja, „Babylon Berlin“ und die Romane dazu sind schuld). In dieser Zeit wissen Eva und Heinrich, dass sie homosexuell sind und tun sich zusammen: Sie heiraten, um mit Geld und Wohnung der Tante endlich aus dem engen Karlsruhe raus und nach Berlin zu kommen. Das funktioniert auch hervorragend und sie genießen das freie Berlin in vollen Zügen. Das viele Lügen erschöpfen sie jedoch immer wieder. Beide finden schließlich ihre Liebe: Eva mit Esther, Armenärztin und Jüdin und Heinrich mit Kurt, sehr aktiver Kommunist. Dann taucht ihre Tante plötzlich auf und die Maskerade wird sehr schwer aufrecht zu erhalten. Auch die politischen Entwicklungen gehen an ihnen nicht einfach vorbei und die Freiheit kommt an ihr tragisches Ende…
Dass diese Zeit kurz vor der Machtergreifung des Nationalsozialismus gerade jetzt wieder populär wird, ist wohl kein Zufall, hat man doch das Gefühl, sich erneut in einer ähnlichen Zeit zu befinden. Die Diskussionen, die Gedanken, die Vorkommnisse muten bekannt an beim Lesen und sind so Teil des Lebens dieser beiden Figuren, die endlich in ihrem Lebensraum angekommen sind und ihn viel zu bald wieder verlassen müssen. Durch die wechselnde Innensicht erfährt man, wie verschieden Eva und Heinrich mit allem umgehen, was ihnen begegnet. Vor allem wie Eva, die politisch interessiert ist, die Ereignisse zu spät richtig einschätzt, erinnert daran, dass wir nie nachlassen dürfen in unserer Wachsamkeit, egal wie kräftezehrend dies sein mag. Perfekte Kombination aus guter Handlung und wichtiger Historie.

 

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Ein Gedanke zu “Vier Mal queer

  1. federecke

    Guten Morgen,

    Endlich hab ich den Beitrag lesen können. Immer wenn ich es mir vorgenommen hatte, kam etwas dazwischen. Das Buch von Alicia Zett hatte ich auch schon auf dem Schirm. Ich folge ihr bei Instagram und bin gespannt darauf.
    Sehr Schade finde ich es dass das Buch von Naomi Alderann nur noch antiquarisch erhältlich ist. Das kling nämlich sehr spannend.
    Gestohlene Tage ist direkt mal auf der Weihnachtswunschliste gelandet 🙂

    Viele liebe Grüße und Danke für deine Buchtipps
    Chrissi

    Liken

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